
Akustikprojekt Klassenzimmer: Hörbeeinträchtigte Schüler Duisburg
Wenn Verstehen möglich wird und Worte endlich ankommen: Dieser Praxisbericht zum Akustikprojekt aus Duisburg zeigt, wie gezielte akustische Maßnahmen Schülerinnen und Schülern mit Hörbeeinträchtigung das Lernen erleichtert und Inklusion im Klassenzimmer wirklich funktioniert.
Ein ganz normaler Unterricht – mit unsichtbarem Problem
Es ist Montagmorgen in einem Klassenzimmer in Duisburg. Die Lehrerin erklärt eine neue Aufgabe. Stühle rücken, Hefte rascheln, draußen fährt ein Auto vorbei. Für die meisten Kinder ist das Alltag.
Für einige jedoch nicht.
Sie hören die Stimme der Lehrerin – aber sie verstehen sie nicht vollständig. Wörter verschwimmen, Sätze verlieren ihre Klarheit. Was für andere selbstverständlich ist, wird zur täglichen Anstrengung.
Genau hier beginnt die Geschichte dieses Projekts:
Ein Praxisbericht über Akustik, Inklusion und echte Teilhabe.
Der Impuls: Inklusion praktisch machen
Der Schulträger der Stadt Duisburg wollte mehr als nur formale Inklusion. Es ging um echte Teilhabe im Unterricht.
„Im Projekt wurde deutlich, dass ein genaueres Hinsehen erforderlich ist.“, lässt sich die Perspektive zusammenfassen. „Nicht nur auf schulische Fördermaßnahmen, sondern auch auf die Umgebung selbst.“.
Denn schnell wurde deutlich:
Das Problem liegt nicht nur im Hören – sondern im Raum.
Der erste Schritt: Zuhören, bevor man plant
Als ORG-DELTA ins Projekt eingebunden wurde, begann alles nicht mit Lösungen, sondern mit Fragen.
Wie klingt der Raum eigentlich?
Wo entstehen Störgeräusche?
Wie lange bleibt ein gesprochenes Wort hörbar?

Ulrich Weller (Projektleitung, ORG-DELTA) erinnert sich:
„Wenn wir bei einer Anfrage hinsichtlich einer Hörbehinderung kontaktiert werden, ist die sorgfältige Ist-Aufnahme der Räume entscheidend. Dazu gehört zwingend die Berechnung der Nachhallzeit.“
Was zunächst technisch klingt, ist in Wirklichkeit entscheidend für den Alltag der Kinder.
Denn Nachhall bedeutet: Ein Wort ist noch im Raum, während das nächste schon gesprochen wird.
Für hörbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler entsteht so ein akustisches Durcheinander.
Die Erkenntnis: Technik allein reicht nicht
Im nächsten Schritt wurden mögliche Hilfen betrachtet:
Hörgeräte, Cochlea-Implantate, FM-Anlagen, Schülermikrophone und Lautsprechersäulen.
Alles wichtige Bausteine.
Aber auch eine klare Grenze:
Wenn der Raum schlecht ist, kann Technik das nicht vollständig ausgleichen.
Diese Erkenntnis veränderte die Perspektive des gesamten Projekts.
Die Lösung entsteht: Der Raum wird zum Verbündeten
Statt isolierter Maßnahmen entwickelte ORG-DELTA ein ganzheitliches Konzept.
Die zentrale Idee:
Der Raum selbst muss das Verstehen unterstützen.
Stimmen bekommen Klarheit
Deckenabsorber wurden installiert, um störenden Nachhall zu reduzieren.
Wandabsorber verhindern störende Seitenreflexionen und verbessern daher die Spachverständlichkeit.
Auch die leisen Töne zählen
Ulrich Weller erklärt:
„Tiefe Töne haben große Wellenlängen und hohe Töne haben kurze Wellenlängen, daher müssen Absorber unterschiedlich ausgelegt sein.“
Deshalb kamen zusätzlich Kantenabsorber zum Einsatz – speziell für tiefe Frequenzen, die sich sonst hartnäckig im Raum halten.
Ein oft unterschätzter Faktor: Reflexionen
Ein besonderes Problem zeigte sich an den Wänden.
Schall wird reflektiert – und kommt verzögert zurück. Für viele kaum wahrnehmbar, für hörbeeinträchtigte Kinder jedoch entscheidend.
„Menschen mit Hörbeeinträchtigungen haben in der Regel ein verändertes räumliches Hörvermögen.“, so Weller.
Die Lösung:
Filzbasierte Wandflächen, die gleichzeitig Schall absorbieren und im Unterricht genutzt werden können.
Akustik trifft Pädagogik.
Kleine Veränderungen, große Wirkung
Neben den baulichen Maßnahmen wurden auch alltägliche Dinge angepasst:
- Sitzplätze mit direkter Sicht zur Lehrkraft
- Berücksichtigung der „guten Hörseite“
- Klare Blickachsen im Raum
Plötzlich wurde sichtbar, wie stark selbst kleine Veränderungen den Unterschied machen.

Der Moment der Veränderung
Die Wirkung zeigte sich nicht in Zahlen – sondern im Alltag.
Die Lehrerin spricht.
Die Klasse hört zu.
Und diesmal passiert etwas Entscheidendes:
Die Worte kommen an.
Die Schüler folgen dem Unterricht leichter, fragen aktiver nach, sind weniger erschöpft.
Ein Raum, der vorher anstrengend war, wird zu einem Ort, der unterstützt.
Die Perspektive der Stadt Duisburg
Für den Schulträger der Stadt Duisburg wurde das Projekt zu einem Beispiel dafür, wie Inklusion konkret umgesetzt werden kann.
Nicht als Konzept auf dem Papier, sondern als spürbare Veränderung im Klassenzimmer.
Denn eines wurde besonders deutlich:
„Eine angepasste Raumakustik unterstützt nicht nur einzelne Lernende, sondern verbessert die Lernbedingungen für alle. Davon profitieren sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrkräfte.“, erklärt Frau Kerschkamp, Fachreferentin für schulische Inklusion im Amt für schulische Bildung.

Mehr als ein Projekt
Heute ist klar:
Akustik ist kein Nebenthema. Sie ist ein zentraler Baustein moderner Bildungsräume.
Die Orientierung an der DIN 18041 (Raumgruppe A4) gab dabei eine wichtige Grundlage für die Planung.
Doch entscheidend war etwas anderes:
Das Zusammenspiel aus Technik, Raum und Verständnis für die Bedürfnisse der Kinder.
Schlussbild
Zurück im Klassenzimmer.
Die Geräusche sind noch da – aber sie stören nicht mehr.
Die Stimmen sind klar.
Die Inhalte kommen an.
Und für einige Kinder bedeutet das zum ersten Mal:
Unterricht ist nicht mehr anstrengend – sondern verständlich.
Wir danken dem Schulträger der Stadt Duisburg, stellvertretend Frau Kerschkamp, für die großartige Zusammenarbeit bei diesem Akustikprojekt. Wir freuen uns auf weitere Umsetzungen in weiteren Schulen.
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